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"Rassismus ist ein absichtlich geschaffener Bruch zwischen den Menschen"

Phoenix e.V. bietet Trainings für Empowerment und Kritisches Weißsein. Die Vorsitzende Clementine Ewokolo Burnley im Interview.

Für Rassismus sensibilisieren, sein alltägliches und strukturelles Gewand zeigen - das ist das Ziel von Phoenix e.V.. Deswegen bietet der Verein Trainings zu Empowerment und Kritischem Weißsein an. Dabei richten sich Empowermenttrainings an Schwarze Menschen, Indigene Menschen und People of Color (BIPoC), Anti-Rassismus Trainings oder Kritisches Weißsein-Trainings an weiße Menschen. Clementine Ewokolo Burnley ist Vorsitzende des Vereins Phoenix e.V.

Gewaltakademie Villigst:
Clementine Burnley, Sie sind Vorsitzende und auch Trainerin bei Phoenix e.V. Warum haben Sie entschieden, Teil des Teams zu werden?

Clementine Burnley: Wie ich mich damals fühlte, war ein emotionales und intellektuelles Puzzle. Wie eine Wissenslücke. Wenn mir etwas im Alltag passiert ist, haben die Menschen um mich herum gesagt: “Das gibt es nicht”. Auch die, die mich mochten! Und plötzlich gab es eine andere Gruppe, die haben mich verstanden. Das waren kontinuierliche Merkwürdigkeiten, die ich näher betrachten wollte.

GAV: Was haben Sie gefunden?

Burnley: Dinge, die nicht zusammenpassen. Deutschland ist ein sehr förmliches Land. Distanziert. Aber dann fassen die gleichen Leute einem in die Haare. Das ist doch komisch! Körperliche Grenzüberschreitungen sind an der Tagesordnung. Sehr intime Fragen kommen ungebremst in der Öffentlichkeit. Fragen, die nachbohren. Fragen, die weiter gehen als es angenehm ist. Wo ,nein’ nicht akzeptiert wird. Das fand ich interessant. Durch eine Analyse der Geschichte habe ich verstanden: Diese Sachen dürfen nur bei manchen Menschen passieren und bei manchen nicht. Das ist nicht mein persönliches Ereignis, das ist ein ein soziales Phänomen. Dieses Wissen hat mein Leben und das Leben meiner Freunde und Familie erleichtert.

GAV: Dieses gewonnene Wissen vermitteln Sie nun mit dem Verein Phoenix e.V. und vor allem in Trainings weiter.

Burnley: Unsere Trainings geben Raum für menschliche Erfahrungen und Prozesse. Für Sein und für Fragen. Dieser Raum fehlt Gruppen ganz oft. Wir haben dabei einen systemischen Blick auf die Lage. Wir versuchen, nichts auf eine Person zu beziehen. Bestrafen bringt nichts, der Blick aufs System schon. Wir bieten Opferberatung an. Menschen erleben Rassismuserfahrungen. Sie erleben Invalidierung. Sie fragen sich: “Ist etwas falsch bei mir? Bin ich immer der Mensch, der etwas falsch versteht?” Diese Menschen brauchen eine spezielle Beratung.

GAV: Sie werden von Schulleitungen angefragt, von Organisationen oder Einzelpersonen. Ihre Trainings erleben eine hohe Nachfrage. Die Trainer*innen sind selbst über viele Jahre ausgebildet und es gibt ein paar Grundbedingungen, um die Qualität zu sichern. Was sollte jemand wissen, der einen Phoenix-training für eine Gruppe buchen oder selbst besuchen möchte?

Burnley: Wir bieten Menschen ab 16 Jahren entweder ein Empowermenttraining für BIPoC oder ein Training Kritisches Weißsein für weiße oder weiß gelesene Menschen an, die Gruppe ist also immer geschlossen bezogen auf die eigene Positionierung. Wir kommen immer mit zwei Trainer*innen und versuchen dabei die Teilnehmer*innen auf der Trainer*innenseite abzubilden. Gibt es Schwarze Teilnehmende? Queere Teilnehmende? Dann sollte es die auf der Trainer*innenseite auch geben. In den Empowermenträumen müssen beide Trainer*innen eigene Rassismuserfahrungen haben. Jedes Training dauert zwei bis drei Tage. Es gibt Einführungs- und Vertiefungstrainings.  

GAV: Was genau passiert dann in den Trainings?

Burnley: Was in Räumen für Empowerment passiert, liegt ganz stark am Bedarf der Gruppe. In den Räumen für Kritisches Weißsein gibt es zunächst eine historische Basis. Es geht um persönlichen Zugang zu Information. Damit alle rauskommen und sehen: Das ist die Geschichte von Rassismus. Dort überall ist das passiert. So wurden Differenzen konstruiert. Darum funktionieren sie über Jahrhunderte so gut. Wir versuchen, dass Menschen einen heilsamen Weg finden, zu erkennen,was Rassismus und Weißsein ist. Nach diesem Training können sie selbst entscheiden, was sie machen. Wir sind keine akademische Organisation. Wir begreifen das nicht primär intellektuell. Wir begegnen auf Augenhöhe und gehen auf Fragen ein. Wir schaffen ein Basisverständnis für das Phänomen.

GAV: Wenn diese Basis geschaffen ist, können die Absolvent*innen noch ein Vertiefungstraining machen. Was passiert dort?

Burnley: Bei diesem Training Blick ist der Blick verschärft. Weiße Teilnehmende haben eine andere Positionierung gefunden. Sie wollen jetzt Strategien finden, was sie gegen Rassismus tun können. Das bieten wir frühestens sechs bis zwölf Monate später an. Die Vertiefungstrainings führen auf strategische Ziele hin. Danach können Menschen in Regionalgruppen gehen, die treffen sich zwei Mal im Jahr. Dort können sie ihr Netzwerk ausbauen.

GAV: Wie hat sich ihre Arbeit verändert durch die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus?

Burnley: Wir bewegen uns nicht so viel wie früher, wenn wir Präsenztrainings haben. Wir bieten aber auch digitale Trainings an. Das ist spannend: Es ist sehr distanziert, aber es gibt sehr viel Nähe. Ganz viel Reflexion. Vor Corona gab es natürlich mehr Körpereinsatz. Eine sehr gute Übung finde ich die hier: wir bitten die Teilnehmenden, sich immer zu zweit gegenüber einander aufzustellen, ohne miteinander zu sprechen. Dann sollen die jeweils zwei Menschen aufeinander zu gehen, auch ohne zu sprechen und nur über Blicke den Abstand zu verhandeln, der für beide angenehm ist. Diese Übung nutzen wir auch in gemischtgeschlechtlichen Gruppen. Das ist ein Versuch, dass Menschen eine Kommunikation und Aushandlung von Grenzen finden. Ungleiche Machtverhältnisse führen nämlich dazu, dass nicht klar genug kommuniziert wird, wo Grenzen sind.

GAV: Wie wichtig ist es, diese Grenzen zu kommunizieren?

Burnley: Das ist sehr wichtig. Und dann geht unser Training auch über Rassismus und Weißsein hinaus. Denn sobald wir eine Form von Dominanz verstehen, verstehen wir die anderen. Und wir erkennen für ganz verschiedene Lebensbereiche: Ich bin Teil davon. Und wenn ich in der Rolle bin, die Macht zu haben, kann ich mich bewusst entscheiden, meine Macht abzugeben. Oder mich entscheiden, Wissen über Grenzen anderer abzuwehren und meine Macht zu behalten.

GAV: Was soll Ihr Erbe als Organisation sein?

Wir betrachten die Rassifizierung als einen Prozess, und wir widmen uns der Unterbrechung dieses Prozesses, damit jeder von seinen schädlichen Auswirkungen befreit werden kann. In Phoenix haben wir eine relationale Praxis geschaffen, eine Praxis der Verbindung. Wir versuchen, absichtlich geschaffene Brüche zwischen Menschen, Gemeinschaften und Nationen zu reparieren. Unsere Praxis ist in jedem Kontext relevant, im gegenwärtigen Moment. Sie verbindet uns mit denen, die vor uns kamen, und mit denen, die weitermachen werden, wenn wir als Individuen nicht mehr da sind.

Mehr Informationen zum Verein Phoenix e.V.






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