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Jugendliche aus Zuwandererfamilien und Gewalt

Auf der Suche nach den Wurzeln und den Ursachen von Kriminalität und Gewalt von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien offenbaren sich heute, nach einer langen Phase politisch gefärbter Streitereien, ob z. B. Deutschland nun ein „Einwanderungsland“ sei oder nicht, gravierende Versäumnisse zur Integration, zum sozialen Frieden und zum Zusammenleben aller Beteiligten.

Auf der Suche nach Schutz, menschlicher Würde und einer sicheren Existenz sind viele Menschen in Deutschland zugewandert, ohne dass ihnen die grundlegenden Bedingungen zur Integration gewährt wurden.

Auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft dominiert auch heute immer noch der Gebrauchs- und Nutzwertcharakter von „Ausländern“ in der öffentlichen Diskussion. Allein der Streit um den Begriff der „Leitkultur“ zeigt, dass Weiterentwicklungen, Bewegungen und Veränderungen als wesentliche Merkmale von Kultur und Gesellschaft unterbunden werden sollen, um scheinbar unverrückbare Merkmale der „deutschen Kultur“ als Maßstab für die Akzeptanz und den Respekt gegenüber Zuwanderern festzuschreiben oder um „Ausländer“ als „Humankapital“ herabzuwürdigen und zur Sicherung des Wohlstandes in Deutschland zu „gebrauchen“.
(„Humankapital“, siehe: http://www.unwortdesjahres.org/2004.html)

Während bei Menschen der „ersten Generation“ der Zuwanderer („Gastarbeiter“) und Flüchtlinge in Deutschland heute noch deutliche Merkmale der Dankbarkeit gegenüber der neuen Heimat Deutschland wegen der stattgefundenen Zuwanderung zu spüren sind, hat sich in der „zweiten und dritten Generation“ der hier geborenen, nachgezogenen und aufgewachsenen jungen Menschen das Klima zum Teil drastisch verändert.

Ausgestattet mit minderen Rechten, oft auf die ethnische oder nationale Herkunft reduziert, als aufenthaltsrechtliche Kategorie „geduldet“, als „fremd“ stigmatisiert oder als „bildungsfern“ tituliert, werden die besonderen Bedingungen ihrer Chancen und Entwicklungen zur gedeihlichen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben oft ausgeblendet.

Obwohl heute schon ca. die Hälfte der Kinder und Jugendlichen aus Zuwanderer- und Flüchtlingsfamilien die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, leben die meisten noch „zwischen den Kulturen“. Brisanz entwickelt sich dabei, wenn die „eigene Kultur“ als scheinbar sicherer Rückzugsort, angesichts unübersichtlicher oder sogar bedrohlicher Potentiale der je „anderen“ Kultur,  zur Selbstvergewisserung neu definiert wird und als „Gegenkraft“ die gemeinsame Annäherung und Integration erschwert oder sogar verhindert.

Der Rückzug vieler Jugendlicher aus Zuwandererfamilien in vermeintlich Sicherheit und Geborgenheit gebende eigene Communities (mit eigenen gewalttätigen Regeln und Gesetzmäßigkeiten) zeigt deutlich, dass die Bedingungen zur gelingenden Integration nicht stimmen.

Das Fehlen von Chancengleichheit und von (durchaus oft lästigen) sozialen und kulturellen Reibungsprozessen verdrängt Integration und verleitet viele Jugendliche dazu „dem Recht des Stärkeren und Clevereren“, dem rücksichtslosen Erfolgsdenken, dem Mainstream „clever und cool zu sein“ und der Parole, „schlau und schnell zu sein - um sich nicht erwischen zu lassen“, zu folgen. Die Spirale der Gewalt, der Verletzung und Beschädigung aller ist damit frei gesetzt.

Obwohl durch den Nationalen Integrationsplan in Deutschland (2007) erste hoffnungsvolle Zeichen zur Entwicklung des Einwanderungslandes Deutschland sichtbar geworden sind und viele gute Absichten formuliert wurden, stehen nach wie vor zwei grundlegende und zentrale Bedingungen für den sozialen Frieden unbeantwortet im Raum:

  1. Das Recht von allen Kindern und Jugendlichen auf Chancengleichheit und auf einen je individuellen Förder- und Bildungsplan zur gesellschaftlichen Teilhabe, zur Sicherstellung einer gelingenden Kindheit, sozialer Wärme und Kommunikation, zum Erreichen eines angemessenen Bildungsabschlusses und einer Berufsausbildung mit realistischer Perspektive für ein existenzsicherndes Berufsleben.
  2. Die Beseitigung von Kinder- und Jugendarmut.  Sie verletzt die Würde und die Grundrechte von Kindern und Jugendlichen und verstößt gegen die UN Konvention über die Rechte des Kindes. Armut bezieht sich dabei nicht nur auf physische Armut, sondern betrifft Kinder und Jugendliche vor allem in ihrem Gefühlsleben, ihrer Psyche, Bildung und der sozialen Einbindung in konstruktive Kinder- und Jugendszenen.


Das Anwachsen von Gewalt- und Kriminalitätspotentialen in Kinder- und Jugendszenen, insbesondere solchen aus Zuwandererfamilien, ist in diesem Zusammenhang nur eine Antwort auf Gleichgültigkeit, Ungleichbehandlung, Chancenungleichheit und die (scheinbar normale) Verletzung und Beschädigung von Kindern, Jugendlichen und deren Grundrechten.

Der Wille, zu zerstören, muss entstehen,
wenn der Wille, etwas zu schaffen,
nicht befriedigt werden kann.
(Erich Fromm)

Gewalt Akademie Villigst
c/o Ralf-Erik Posselt
Haus Villigst 12/07


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