„Stärker ohne Gewalt“
Tagungsbericht: Prävention und Intervention in Schule und Jugendarbeit am 07.03.07 in Iserlohn. Eine Tagung in Kooperation der Bezirksregierung Arnsberg und der Gewalt Akademie Villigst (aus „jugendhilfe aktuell“ Landesjugendamt Westfalen/Lippe 2-07)
(jh) „Gewalt von Jugendlichen ist ein Thema, das unsere Gesellschaft immer wieder beschäftigt, beschäftigen muss,“ heißt es in der Einladung der Bezirksregierung Arnsberg zur Fachtagung „Stärker ohne Gewalt“. Eingeladen waren Leitungskräfte aus Schule, Jugendhilfe und allen mit Kindern und Jugendlichen arbeitenden Bereichen.
„Kinder und Jugendliche, die Probleme haben, machen auch Probleme“, unterstrich Regierungsvizepräsident Heiko Michael Kosow nicht nur einmal in seiner Begrüßung und verdeutlichte darin den Anlass dieser Tagung in der Evangelischen Akademie „Haus Ort lohn“ in Iserlohn. „Gewaltmuster werden immer selbstverständlicher, Empathie und Mitleiden verlieren an Bedeutung. Hier nimmt die Gesellschaft, insbesondere die Politik, ihre Verantwortung nicht ausreichend wahr“, so Kosow weiter. Hier gelte es einen möglichst ganzheitlichen Blick auf die mit der Gewaltfrage konfrontierten Kinder und Jugendlichen zu werfen, aber eben auch Lösungsansätze zu diskutieren.
Rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren aus diesem Grund am Mittwoch, 7. März, ins Haus Ortlohn gekommen, um zunächst die Vorträge zu hören und sich anschließend in zwei der zehn Workshops aktiv zu beteiligen und mit Mitgliedern der anderen Professionen auszutauschen. Stark vertreten waren neben den explizit geladenen Mitarbeitern der Jugendhilfe und der Schulen auch Vertreter von Justiz und Polizei.
Handlung ist da erforderlich, wo die größten Probleme zu erwarten sind Jürgen Schattmann, ist als Referatsleiter im Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration zuständig für Kinder- und Jugendschutz, Medienkompetenz und Jugendsozialarbeit. Er sprach im ersten Fachreferat der Veranstaltung die Polizeiliche Kriminalstatistik für NRW an. Daraus ginge hervor, dass trotz allgemein sinkender Tatverdächtigenzahlen der 8-21- jährigen die Fälle schwerer Körperverletzung zugenommen hätten. Obwohl nach einer Studie des LKA die Jugendbanden nur einen kleinen Teil an der Gesamtzahl der Jugendlichen bildeten, könne insgesamt von einer „wachsenden Bereitschaft zu Gewalt und Brutalität“ gesprochen werden, so Schattmann weiter. Im Verlauf seines Vortrags hob er die indirekte Prävention in den Jugendverbänden in NRW hervor. NRW habe unter den Ländern das am Besten „ausgebaute System der Jugendarbeit“ und leiste damit nicht nur bewusste Primärprävention sondern auch Sekundärprävention.
Das in der Jugendarbeit entstehende und existierende Klima in der Jugendarbeit leiste einen wertvollen Beitrag zur Gewaltprävention. Auf Rückfrage machte Jürgen Schattmann deutlich, dass Hauptschulen die besondere Aufmerksamkeit des Landes verdienen, da man dort handeln müsse, wo „vermutlich die größten Probleme sind“.
Abschaffung der Hauptschulen – verpflichtende Ganztagsschule für alle Aus der Warte der Wissenschaft betrachtete Prof. Dr. Christian Pfeiffer die Jugendgewalt. Seine Studien führten bei ihm zu der Forderung: „Ganztagsschule für alle“, um Persönlichkeiten heranwachsen zu lassen, die nicht Opfer überzogener Mediennutzung werden. Der ehemalige Justizminister von Niedersachsen und heutige Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Hannover brachte es auf eine einfache Formel: „Kinder ohne Fernseher sind besser in der Schule als Kinder mit Fernseher“. Pfeiffer beruft sich darin auf Ergebnisse einer Studie zur Mediennutzung. Danach gäbe es eine große Differenz in der Mediennutzung zwischen Dortmund und München (Schüler der 4. Klasse: Do. 2:34h – M 1:30h pro Tag) und zudem entsprechende Unterschiede bei Schulabschlüssen und schulischer Leistung.
Die verpflichtende Einführung von Ganztagsschulen würde nach Pfeiffer verhindern, dass Jugendliche in Jugendzentren an falsche Freunde geraten, denn „im Jugendzentrum wird das Drogendealen vorbereitet“. Die falschen Freunde sind neben überhöhtem Medienkonsum Pfeiffers zweite Begründung für jugendliche Mehrfachtäter. Darüber hinaus forderte der Kriminologe die Abschaffung der Hauptschulen als zweitem zentralen Treffpunkt für potentielle Mehrfachtäter. Sie seien ein Verstärkungsfaktor der Jugendkriminalität. „Unsere gegliederte Bildungslandschaft ist ein Schulsystem von vorgestern“, so Pfeiffer. Ein weiterer wichtiger Punkt sei das Gewalt- und Suchtpotential von Computerspielen. Pfeiffer forderte Konzepte gegen eine Computerspielsucht und verstärkte Aufklärung der Eltern über diese Programme. Die Spiele erhöhten das Machopotential der jugendlichen Gewalttäter und förderten zudem eine zunehmende Brutalisierung der Gesellschaft. Das Verbot solcher Produkte wäre ein klares Signal. Eine Alterseinstufung ab 16 bzw. 18 Jahren gelte hingegen als Ritterschlag und mache ein Computerspiel für die Jugendlichen noch interessanter.
Podiumsdiskussion zu Ursachen der Jugendgewalt Die Ursachen von Gewalt und Jugendkriminalität wurde kontrovers diskutiert. Neben Prof. Dr. Christian Pfeiffer waren auf dem Podium Jürgen Schattmann aus dem Ministerium für Generationen, Familien, Frauen und Integration, Erich Sievert, Polizeipräsident der Stadt Hamm, Schulleiterin Gabriela Kreter, ebenfalls aus Hamm und Ralf-Erik Posselt von der Gewalt Akademie Villigst. Dieser machte deutlich, dass „Schwarz-Weiß-Denken“ keinen Sinn machen würde. Nach Posselt bräuchten Jugendliche die Kompetenz selbst über wertvolle Inhalte urteilen und entscheiden zu können. Damit verbunden fehle es an Unterstützung diese Kompetenz zu erlernen. Demnach sei ein grundsätzliches Verbot von Medien nicht die richtige Entscheidung. Diesem pflichtete Gabriele Kreter bei, ihrer Meinung nach wüssten viele Lehrer oft nicht immer was Kinder überhaupt spielen und Eltern müssten nicht das Gerät entfernen, sondern lernen klare Regeln zu setzen und den „viereckigen Ausschalter“ zu bedienen. Dem problemfreien Selbstbestimmungsrecht für Kinder am PC steht Erich Sievert kritischer entgegen. Seiner Meinung nach müsse man bedenken, dass man nicht mehr wüsste mit welchem (vermeintlichen) Kind das eigene Kind von seinem Zimmer aus kommuniziere.
Jürgen Schattmann betonte anschließend noch einmal den Ansatz an der Elternarbeit. Es bringe nichts Verbote zu setzen, die Eltern sogar umgehen, in dem sie die Spiele für ihre Kinder kaufen. Das Bewusstsein der Eltern müsse geschärft werden. Jugendverbände könnten dies zum Beispiel tun, in dem sie durch gemeinsames Spielen von den Jugendlichen erfahren was gespielt wird und anschließend diesbezüglich mit den Eltern und ihren Kindern arbeiten.
Ralf-Erik Posselt machte gegen Ende deutlich, dass nicht die Medien allein Schuld an der Gewalt unter Jugendlichen seien. „Wir brauchen eine neue Kultur der Kooperation der Fachkräfte und der Eltern. Diese Kräfte zu nutzen und zu bündeln, ist Aufgabe von jedem“.
Zusammenfassend bot die Tagung eine Möglichkeit zahlreiche unterschiedliche Meinungen anzureißen und knapp zu diskutieren ohne ein gemeinsames Ergebnis finden zu müssen oder einvernehmlich Ursachen für Jugendgewalt zu formulieren.
Die von der Jugendarbeit favorisierte differenzierte Sicht auf die Gewaltproblematik und die damit verbundene Forderung einer ernsthaften Begleitung und Auseinandersetzung mit den Jugendlichen fand am Vormittag keine Mehrheit. Am Nachmittag zeigte sich allerdings in vielen abwechslungsreichen Praxisbeispielen, dass die Sicht der Jugendarbeit – nämlich den Fokus der Arbeit nicht auf die Verhinderung von Gewalt, sondern vor allem auf die Förderung einer Entwicklung in die eigenverantwortliche Selbstständigkeit zu legen – in Schule und Jugendhilfe in vielfältigen Praxisprojekten umgesetzt wird. Es ist deutlich geworden, dass dies der anstrengendere und teurere, aber auch demokratischere Weg in die Zukunft ist.
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