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Jahresrückblick: ABG Soest / Erwitte 2010
Da stehe ich nun als Sozialpädagoge mit mittlerweile einiger Berufserfahrung im Foyer der Gewalt-Akademie-Villigst und bemerke tatsächlich verstärktes Herzklopfen. Wir haben den 4. Dezember 2009 und ich nehme gleich am Eröffnungszeremoniell meiner einjährigen Ausbildung zum Deeskalationstrainer Gewalt und Rassismus der Akademie teil.
Viele Menschen sind um mich herum. Viele Menschen die sich freudig begrüßen, erkennbar miteinander bekannt sind und offensichtlich mit dem heutigen Tag ihre Ausbildung abschließen. Aber auch andere stehen da, so wie ich, mehr oder weniger suchend. Das müssen auch Neulinge sein.
Ich werde von irgendjemand angesprochen und bekomme mitgeteilt, dass weitere Neulinge der ABG Soest / Erwitte weiter hinten an einem Stehtisch zusammen stehen. Ich gehe los und sehe eine kleinere Gruppe. Alle haben die gleiche farbige Markierung an ihre Kleidung gesteckt. Das müssen sie sein.
Ein wenig Smalltalk, woher kommst du, was machst du so und weiterhin dieses verrückte Gefühl im Bauch. Faszination über dieses wohlsortierte Gewusel um mich herum, gemischt mit der Angst vor möglicher Überforderung, diese aufwendige Ausbildung mit meinem Beruf in Einklang zu bringen, evtl. nicht in der Gruppe bestehen zu können und und und.
Irgendwann bemerke ich, dass die positiven Gefühle die Oberhand gewinnen. Die angenehme Atmosphäre trotz des nicht gerade kleinen Gebäudes, macht sich langsam in meinem Innern bemerkbar. Ich erkenne ein bekanntes Gesicht bei den „Alten Hasen“ und bekomme einiges erklärt, über die verschiedenen Ausbildungsgruppen, die Möglichkeit des Aufbaus regionaler Netzwerke, die Vorteile kollegialer Unterstützung. Hier treffe ich als Einzelkämpfer in meiner beruflichen Situation offensichtlich auf Deeskalationstrainer, die ein Gruppengefühl entwickelt haben, zusammen arbeiten wollen und dies nicht nur als Lippenbekenntnis vor sich her tragen.
Später sitze ich mit einigen weiteren Azubis der ABG Soest / Erwitte beim Dinner an einem gemeinsamen Tisch und unterhalte mich angeregt über die kommende Ausbildung und das ganze Szenario des heutigen Abends. Anschließend genieße ich das Rahmenprogramm, aber auch die Zertifizierung der letztjährigen Absolventen aus den einzelnen ABG´s. Ich fühle mich nun wirklich wohl und freue mich auf die kommende Ausbildung.
Ein Jahr ist nun vergangen. Ein Jahr mit unendlich vielen Eindrücken, ein Jahr mit zahlreichen Perspektivwechseln und AHA – Momenten in Bezug auf die eigene Berufssituation, ein Jahr mit angenehmen Menschen, die zu einer Gruppe zusammengewachsen sind, ein Jahr aber auch mit sehr viel Arbeit.
Bereits zu Beginn der einjährigen Ausbildungszeit verbrachten wir ein gemeinsames Wochenende im Haus Düsse und absolvierten unser erstes sog. Villigster Training, eins von zweien, die neben den monatlichen ABG Treffen und zwei sog. Fremdtrainings zum Pflichtprogramm der Ausbildung gehören. Die Arbeit am Thema war spannend und lehrreich. Die „dritte Halbzeit“ (Fachausdruck von Carl Borgstedt, Lehrtrainer der GAV) war aber die wohl prägende Trainingseinheit an diesem Wochenende für die Entwicklung der Gruppe. Wir saßen nach getaner Arbeit zusammen, tranken das ein oder andere „geistige Getränk“, redeten, lernten uns gegenseitig besser kennen, sangen zusammen mit Carl (Carl Wilhelm Borgstedt, die graue Eminenz, auch wenn er es nicht gerne hört) und entwickelten das erste Mal ein wirkliches Gemeinschaftsgefühl. Uns wurde klar, dass wir trotz sehr unterschiedlicher beruflicher Situationen an einem Strang zogen, gleiche Ziele hatten und bereit waren, uns gegenseitig zu helfen und Hilfen zu akzeptieren.
Unter der Leitung unserer Ausbilderin Heike Vogelsang und unseres Ausbilders Stefan Carl entwickelte sich in den folgenden ABG Treffen eine Arbeitsatmosphäre, die stets von kollegialem Miteinander und ständiger wohlwollender Reflexion geprägt war. Die beiden hatten mit ihren sehr unterschiedlichen Temperamenten überhaupt einen sehr positiven Einfluss auf die Ausbildungsgruppe, in der niemand das Gefühl haben musste, nicht dazu zu gehören oder bei Schwierigkeiten nicht aufgefangen zu werden. Sie waren stets sehr motivierend und standen immer als Ansprechpartner zur Verfügung. Danke.
Und dann war da noch das gemeinsam vorbereitete Essen. Jedes Gruppentreffen führte zur Gewichtszunahme, da sich immer wieder Teilnehmer bereit erklärten, zum nächsten Treffen etwas Essbares mitzubringen. Es gab wirklich leckere Spezereien und wie beim „Tischlein deck dich“ konnte man zu dem Eindruck gelangen, dass es an Leckerem nie knapp werden wird. Jede Pause wurde so ein wirklich schöner Moment, der zum wohlgelaunten Meinungs- und Erfahrungsaustausch genutzt wurde. Mir werden diese Augenblicke fehlen.
Aufgaben zur inhaltlichen Vorbereitung und Durchführung der einzelnen Treffen wurden freiwillig und ohne langes Zögern durch alle Azubis übernommen. In jeder Trainingseinheit, die jeweils unter einem bestimmten Motto stand,
- Ankommen, Beginn eines Seminars, Kennen lernen
- Wahrnehmung
- Sensibilisierung für Gewalt, Kommunikation
- Kooperation, Eskalation
- Rassismus
- Reflexion und Abschied
konnten die Teilnehmer in selbst ausgesuchten und vorbereiteten Übungen ihre Möglichkeiten der Übungsanleitung und Reflexion ausprobieren und durch kollegiale Beratung auf den Prüfstand stellen. Es entwickelte sich bei allen nach und nach eine Sicherheit, die für die kommenden Aufgaben als Deeskalationstrainer sehr von Vorteil ist.
Die in den ABG Treffen kennengelernten Übungen und Methoden, gekoppelt mit Theorieeinheiten, die durch die Trainer eingebracht wurden und die zusätzlich absolvierten Fremdtrainings zu den Themenkomplexen Rassismus und Körpersprache bringen jetzt zum Ende der Ausbildung einen sehr umfangreichen Erfahrungsschatz, der allen Absolventen ein gehöriges Maß an Sicherheit garantiert. Durch geschickte angeleitete Reflexion hatten wir die Möglichkeit zu Perspektivwechseln, eine Voraussetzung um sich in andere Gedankenwelten zu begeben. Damit wurde die Tür zur Weiterentwicklung des eigenen Verstehens geöffnet.
Heute bin ich sicher, mit meiner Ausbildung den richtigen Schritt getan zu haben. Mit der ABG Soest / Erwitte hatte ich die Möglichkeit, in meinem nahen persönlichen und beruflichen Umfeld zu lernen und nicht nur durch die räumliche Nähe zu meinen Ausbildungskollegen Perspektiven für die Arbeit als Deeskalationstrainer zu entwickeln. Schön zu wissen, dass in 2011 wieder eine Gruppe in Soest / Erwitte ausgebildet wird und neue Mitstreiter dazukommen. Wie hieß noch gleich das Motto unserer Ausbilder Heike und Stefan?
Du hast eine Möglichkeit mehr!
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