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Start von zwei Ausbildungsgruppen in Jerusalem
Als wir, Susanne Edgington, Carl Borgstedt und ich, Alf Kontermann(Trainer/innen der Gewalt Akademie Villigst), uns am 03. Januar 2010 im tief verschneiten Deutschland auf die Reise nach Jerusalem machten, lächelten wir. Unser Ziel war es, eine Villigster Ausbildungsgruppe Jerusalem zu gründen, an deren Ende israelische und palästinensische Menschen zu Deeskalationstrainer/innen der Gewaltakademie zertifiziert werden sollen. Das war der Plan.
Nach mehr als zweistündiger Verspätung war die Runway geräumt und das Flugzeug enteist. Es ging los. In Tel Aviv empfing uns warmer Sonnenschein, ein Shuttelbus brachte uns nach Jerusalem und im YMCA empfing uns Georg Rössler, „unser“ Mann von „SOS Violence Israel“.
Dass wir Georg so anknurrten, war nicht unfreundlich gemeint sondern kam aus der Magengegend und deshalb verlegten wir unser erstes Sondierungsgespräch in ein kleines Restaurant. Hier erfuhren wir, dass die politische Situation in Israel fragiler war, als wir gedacht hatten. Die Konsequenz bestand darin, dass es keine gemeinsame Gruppe geben würde, sondern zwei separate. Eine israelische und eine palästinensische Gruppe in Ostjerusalem. Wir waren natürlich im ersten Moment sehr enttäuscht, mussten aber erkennen, dass die Menschen, um die es uns ging, leider keinen Einfluss auf solche Dinge haben. Den haben Politiker.
Nichtstaatliche Organisationen (NGOs = Non Gouvernmental Organisations) wie z. B. SOS Violence, sind natürlich auf finanzielle Zuwendungen angewiesen und die werden, auf israelischer wie auf palästinensischer Seite, nach der politischen Großwetterlage bewilligt. Es hilft also nicht, wenn Mahmoud und Benjamin gemeinsam an einem guten Ziel arbeiten wollen, solange Politiker das nicht abnicken. Wie gesagt, wir waren enttäuscht aber dann war sie plötzlich da, die „Jetzt erst recht“ Stimmung.
Und wir waren ja auch nicht alleine. Wir hatten „Überzeugungstäter“ auf unserer Seite, die uns gegen alle Widerstände jede erdenkliche Unterstützung zukommen ließen. Das waren auf israelischer Seite Georg und Yoni, die Direktoren von SOS Violence Israel, Kerstin und Katja, Friedensfachkräfte vom Forum Ziviler Friedensdienst und auch Jawad von der palästinensischen Organisation „Madaa“.
Die Aufgaben waren schnell verteilt. Carl begleitete die israelische Gruppe, Susanne und ich die palästinensische. Die israelische Gruppe besteht überwiegend aus Menschen, die bei „SOS Violence“ bereits als Trainer gearbeitet haben.
Die Mitglieder der palästinensischen Gruppe sind u.a. Lehrerinnen und Sozialpädagogen, die ehrenamtlich in der Jugendarbeit tätig sind. Sie kommen überwiegend aus dem Ort Silwan und Silwan ist ein echter Hotspot. Ich will an dieser Stelle nicht weiter auf die Gegebenheiten eingehen aber Interessierte können ja gerne im Internet (www.Madaasilwan.org) nachschauen.
Junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahre alt, Muslime und in sowohl modernen als auch konservativen Familien aufgewachsen, mit allen Zwischentönen. Das war meine Gruppe und ich war gespannt wie ein Flitzebogen, als es zum ersten Treffen ging. Ich sollte noch erwähnen, dass auch Kerstin und Katja als Teilnehmerinnen mit dem Ziel der Zertifizierung dabei waren. Und dann gab es noch Muna. Eine junge Lehrerin, die sich bereiterklärt hatte, für die Teilnehmer, deren Englisch etwas rumpelt, ins Arabische zu übersetzen. Sie hat das übrigens während des gesamten 3-Tage-Trainings ganz toll gemacht.
Sehr schnell stellte sich heraus, dass die 11 Teilnehmer der Gruppe eine Sensation waren. Wild entschlossen, alles aufzunehmen, was ihnen geboten wurde, bereit, sich einzulassen und auch über ihren soziokulturellen Schatten zu springen. Selbstverständlich mussten wir unsere, auf heimischem Terrain erprobten Spiele und Übungen, an die soziokulturelle und gesellschaftliche Prägung unserer Teilnehmer angleichen.
So konnte sich die gesamte Gruppe z. B. nicht vorstellen, ein Mitglied ihrer Peergroup auszugrenzen oder auch nur vorübergehend zu ignorieren. Bei der Übung „Nordseewellen“ z. B. hatte ich noch aus Deutschland die Rückmeldung „ Die haben mich nicht mehr rein gelassen“ im Ohr. Gleich die erste palästinensische Teilnehmerin, die im Stuhlkreis mit viel Lachen den freien Stuhl ergattern wollte, reflektierte dagegen: „Ich fühlte mich als etwas Besonderes. Ich stand in der Mitte.“
Bei der Übung „Flussüberquerung“ brauchte die Gruppe kaum Absprachen. Jedem Mitglied war völlig klar, dass die wichtigste Person die letzte war, denn erst wenn die letzte Person es geschafft hat, hat es die Gruppe geschafft. Somit lag der Fokus nicht darauf, selbst anzukommen sondern die Bedingungen für die letzte Person so gut wie möglich zu erhalten. Besonderen Spaß hatten unsere TN bei der Übung „Parkhaus in Tokio“. Es fiel ihnen so leicht, sich wortlos, nur mit Blicken, abzustimmen.
Ein sensibles Feld betraten wir immer, wenn Körperkontakt im Spiel war. Das zeigte sich schon „auf dem Seil“. Am zweiten Tag war das Verhältnis in der Gruppe aber bereits so vertraut, dass wir schließlich sogar das Elefantenspiel schafften. Hinzu kam noch bei allen Teilnehmenden der Drang, jede Erfahrung zu machen, die möglich war, aus diesen drei Tagen alles mitzunehmen, was nur angeboten wurde.
Die Gruppe hat Susanne und mir großen Spaß gemacht und eine Rückmeldung wie „Es war so gut, ich könnte euch umarmen“ bekommen selbst wir nicht jeden Tag.
Unter den 12 Teilnehmern der SOS-Gewalt Ausbildungsgruppe, die von Carl begleitet wurde, befanden sich
- die zwei Co-Direktoren
- Mitglieder und Volontäre des Trainerteams von SOS-Gewalt
- die Leiterin der Programm- und Ausbildungsentwicklung von SOS-Gewalt
- ein Vertreter der arabischen Abteilung des David-Yellin Lehrerseminars in Jerusalem
- der Berater für die 'special & educational Programms' des Jerusalemer CVJM (West)
- die Verantwortliche für die Zusammenarbeit mit der israelischen Polizei und Grenzpolizei (SOS-Police Desk)
- ein Volontär (SOS-Gewalt) der Studiengruppe Internationale Sozialarbeit, Universität Ludwigsburg
Die Arbeit in beiden Gruppen war selbstverständlich an den selben Inhalten ausgerichtet. Beginnend mit einer Definition für „Gewalt“ ergaben sich danach aber doch Unterschiede im Ablauf. Da die israelische Ausbildungsgruppe durch ihre langjaehrige Taetigkeit mehr Praxis erworben hatte, konnten sie auch eigene Übungen und Impulse einbringen. Dadurch ergaben sich interessante Aspekte eines didaktischen und methodischen Coachings. Als Beispiel möchte ich folgende Übung anführen:
Die TN wurden angeleitet, für sich selbst und wortlos zwei Personen aus der Gruppe festzulegen, zu denen sie in jedem gegebenen Augenblick in gleichem Abstand stehen sollten. Diese ursprünglich als 'Warm-up' eingesetzte Übung entwickelte sich zu einem Parameter von erlebter Wirklichkeit: Wirklichkeit ist dynamisch, und nicht nur die anderen verändern unsere Wirklichkeit (denn bei jeder Bewegung eines TN veränderten sich augenblicklich alle Koordinaten der übrigen TN, was dann jeweils zu weiteren Positionsveränderungen führte, usw..) – auch wir müssen uns darüber im Klaren sein, wie stark jeder unserer Schritte auf die Welt um uns einwirkt, bzw. einwirken kann. Für eine Konfliktsituation heißt das konkret, dass ich durch ein Heraustreten aus einer Situation, durch einen gezielten Schritt, das Szenario einer ganzen Situation verändern kann.
Neben der Arbeit in den Gruppen gab es aber auch noch interessante Begegnungen. Hier möchte ich auf das Treffen mit Professor Haim Omer, dem Autor von „Die neue Autorität“ hinweisen. Prof. Omer, der seinen Lehrstuhl für Psychologie an der Uni Tel Aviv hat, stellte sich für eine Kooperation zur Verfügung. Unser besonderer Dank gilt Michal Fox, die uns besondere Gastfreundschaft schenkte und in deren Haus es zu einem interessanten Treffen mit Dr. Idan Amiel kam.
Dr. Amiel leitet im Schneider-Hospital Tel Aviv die Abteilung für Eltern-Coachings im Sinne von Prof. Omer. Es kam zu einem intensiven Austausch zwischen Carl und ihm, der zu der Absicht führte, bei weiteren Treffen Gemeinsames zu entwickeln, bis hin zu einem Fremdtraining durch Dr. Amiel. Neben der Arbeit mit der ABG werden Michal und Carl versuchen, auch Trainings mit israelischen Polizeibeamt/innen zu realisieren, auf dem Weg zur Gründung einer „Polizei-Akademie“ Israels im Jahre 2011.
Neben diesen besonderen Gesprächen gab es natürlich noch zahlreiche Meetings, in denen organisatorische Dinge und Abläufe zu klären waren. So ist das eben, wenn man „Neuland“ betritt und es machte unsere Nächte ziemlich kurz. Aber das Bemühen aller Beteiligten, möglich zu machen, was nur möglich ist sowie die Akzeptanz von und Dankbarkeit für unsere Arbeit, wog alles auf.
Als wir am 10.01.2010 gegen Mitternacht durch den tiefen Schnee auf dem Parkplatz des Flughafens Paderborn stapften, lächelten wir. Wir sind auf einem guten Weg.
Alf Kontermann Januar 2010
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